Konjunktur läuft gut, aber Fachkräfte fehlen

IHK-Konjunkturumfrage für Niedersachsen

Das Wachstum ist ungebrochen, die niedersächsische Wirtschaft läuft weiter rund. Die Aussichten für Investitionen und Beschäftigung sind unverändert positiv. Der IHK-Konjunkturklimaindikator für das dritte Quartal 2017 bleibt bei konstant 120 Punkten. Die gute Entwicklung kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Fachkräfte­mangel immer drängender wird. „Ohne deutlich größere Anstrengungen im Bereich der Berufsbildung als bisher, wird es aus Sicht der Unternehmen nicht gehen“, so Dr. Horst Schrage, Hauptgeschäftsführer der IHK Niedersachsen. Das ist das Ergebnis der Kon­junkturumfrage der niedersächsischen Industrie- und Handelskammern bei gut 1.700 Unternehmen.
Die Wirtschaftslage in Niedersachsen ist seit längerer Zeit unverändert gut. Insgesamt wird die aktuelle Geschäftslage von 40 Prozent der Unternehmen (Vorquartal: 43 %) als gut beurteilt, 54 Prozent sind zufrieden und nur sechs Prozent (Vorquartal: 7 %) sind mit der Lage nicht zufrieden. Die Erwartungen an die kommenden Monate sind ebenfalls erfreulich: 22 Prozent der Unternehmen rechnen sogar mit einer weiteren Verbesserung, 64 Prozent erwarten keine Veränderung und nur 14 Prozent rechnen mit einer ungünstigen Entwicklung.
Unabhängig vom Ausgang der Wahlen haben die Unternehmen weiterhin Vertrauen in die künftige Entwicklung. Die niedersächsischen Unternehmen halten ihre Investitions- und Beschäftigungsplanungen auf hohem Niveau. In diesem Jahr haben auch die Investitions­vorhaben zur Kapazitätserweiterung deutlich zugenommen. Für 2017 wie auch für das kom­mende Jahr dürften damit jeweils rund 60.000 neue Arbeitsplätze entstehen.
Mehr als jedes zweite Unternehmen (54 %) sieht im Fachkräftemangel mittlerweile das größte Risiko für die weitere Geschäftsentwicklung. Dieser Wert hat sich in den letzten Jahren stetig erhöht. In der Folge wird die Entwicklung der Unternehmen in der Industrie und im Baugewerbe spürbar gebremst. Hauptgrund für die Suche nach Mitarbeitern ist für die Unternehmen das altersbedingte Ausscheiden von Fachkräften, da diesen eine geringere Anzahl von Berufsein­steigern gegenübersteht. Als Konsequenz des Fachkräftemangels sehen 76 Prozent der Unternehmen eine Mehrbelastung bei der vorhandenen Belegschaft. Mehr als jedes zweite Unternehmen (55 %) kann sein Wachstumspotential nicht ausschöpfen. Die wichtigsten Ansät­ze für die Fachkräftesicherung sehen die Unternehmen in der Stärkung der beruflichen Bildung (62 %; z. B. Berufsorientierung an Gymnasien, Stärkung der Berufsschulen), einer höheren Qualifikation der Schulabgänger (59 %) und, besonders in den ländlichen Gebieten, einer Erhöhung der Attraktivität der Regionen (41 %). Wichtige Maßnahmen für die Fachkräftesiche­rung sind darüber hinaus mit jeweils knapp 30 Prozent die Beschäftigung ausländischer Fach­kräfte zu erleichtern und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern (z. B. Kinder­betreuung ausbauen).
Die Industrie berichtet für das dritte Quartal von einer anhaltend starken Entwicklung. Die Auf­tragseingänge aus dem In- und Ausland haben nicht mehr ganz so viel Schwung wie im her­ausragenden Vorquartal, bleiben aber sehr zufriedenstellend. Das zeigt auch der Blick auf den Auftragsbestand: Das Auftragspolster hält sich konstant auf dem historisch hohen Niveau. Die Aussichten bleiben damit vielversprechend. Der Export Niedersachsens entwickelt sich im Ver­gleich zum Vorjahr gut, wobei neben Frankreich und Italien besonders Asien hervorsticht. Die besten Umfrageergebnisse weisen dank des florierenden Exports insbesondere die Bereiche Automotive, Maschinenbau und Elektrotechnik auf.
Die Bauwirtschaft arbeitet weiter an der Kapazitätsgrenze, vor allem in den Städten. Aufträge gibt es genug, allein die Fachkräfte sind knapp. Hoch- wie Tiefbau gehen mit einem dicken Auftragspolster in das letzte Quartal. Die hohe Nachfrage hat zu Preissteigerungen geführt und die Ertragslage weiter verbessert.
Der Einzelhandel beurteilt seine Geschäftslage weiterhin nur leicht positiv. Für die kommen­den Monate wird unverändert mit einer geringfügigen Abschwächung des Geschäfts gerechnet. Mit Ausnahme des Textil- und Bekleidungssortiments gehen die anderen großen Bereiche (Heimwerkerbedarf, Möbel/Einrichtungsgegenstände, Unterhaltungselektronik) von einem Umsatzrückgang im stationären Fachhandel aus. Im Onlinehandel wird dagegen mit steigen­den Umsätzen gerechnet. Insgesamt bleibt der private wie der staatliche Konsum eine wichtige treibende Kraft der Wirtschaftsentwicklung in Niedersachsen.
Gute Geschäfte meldet unverändert der Großhandel. Sowohl die Konsumgüterhändler als auch die Händler mit Rohstoffen/Vorprodukten oder Investitionsgütern sind mit ihrer Geschäfts­entwicklung mehrheitlich zufrieden. 41 Prozent der Großhändler rechnen mit steigenden Umsätzen, nur 13 Prozent gehen von rückläufigen Umsätzen aus.
Das starke Wachstum der Industrie sorgt beim Verkehrsgewerbe weiterhin für zunehmende Gütertransporte. Geschäftslage und Erwartungen haben sich im dritten Quartal nochmals ver­bessert. Im Unterschied zum Vorjahr sorgen jetzt auch die steigenden Preise für eine positive Beurteilung durch die Speditionen. Größtes Problem aber bleibt der Fahrermangel. Der demo­graphische Wandel besteht konkret in einem Verlust an Fahrern mit „Bundeswehrführerschei­nen“, während zeitgleich die finanziellen wie fachlichen Anforderungen beim Erwerb des Füh­rerscheins für Berufskraftfahrer deutlich gestiegen sind.
Die Stimmung bei den Banken erholt sich zusehends. Hatten im Herbst des Vorjahres noch
60 Prozent der Institute mit einer negativen Entwicklung gerechnet, ist dieser Anteil mittlerweile auf 24 Prozent gesunken. Aktuell ist das Aktivgeschäft der Kreditinstitute sowohl bei den Privat­kunden als auch bei den Firmenkunden deutlich expansiv. Ähnlich gut läuft das Geschäft der Versicherungen, die mit einem steigenden Neugeschäft und höheren Beitragseinnahmen rechnen.
Eine gute Geschäftslage melden nicht zuletzt die Dienstleistungsunternehmen. Die Mehrzahl der Unternehmen beurteilt die Lage als gut, nur vier Prozent sind nicht zufrieden. Steigende Auftragseingänge und positive Erwartungen sprechen für eine Fortsetzung der erfreulichen Entwicklung.

Ausblick

Die Rahmenbedingungen für eine Fortsetzung des Aufschwungs mit weiterhin zunehmender Beschäftigung sind nach wie vor gut. Der zunehmende Fachkräftemangel führt in immer mehr Regionen und Branchen allerdings zu Wachstumseinbußen. Sorgen macht den Unternehmen auch die Lohnentwicklung, da hohe Lohnkosten ihre Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigt.

Konjunktur in Niedersachsen auf einen Blick (3. Quartal 2017)

Der IHK-Konjunkturklimaindikator gibt die Einschätzung der Unternehmen der gegenwärtigen und der erwarteten Geschäftslage wider.