Talfahrt gestoppt – mehr aber auch nicht

IHK-Konjunkturumfrage für Niedersachsen
Die Geschäftslage der niedersächsischen Wirtschaft hat sich im vierten Quartal leicht gebessert, die Wachstumsaussichten für 2020 bleiben allerdings gering. Mit der Ent­spannung bei den Handelskonflikten und der unverändert robusten Binnenkonjunktur haben sich die Geschäftsaussichten der Unternehmen etwas aufgehellt. Der IHK-Konjunktur­klimaindikator für das vierte Quartal 2019 steigt erstmals nach sieben Quarta­len mit rückläufigen Werten zum Jahresbeginn um sieben auf 102 Punkte (Vorq. 95 Pkt.). Das ist das Ergebnis der Kon­junkturumfrage der niedersächsi­schen Industrie- und Handels­kammern mit 1.900 Unternehmensantworten. „Die Annäherung bei den inter­nationa­len Handelsstreitigkeiten haben bei den Unternehmen für etwas Entspannung gesorgt. Dazu hatte der Einzelhandel ein unerwartet starkes Schlussquartal“, so Dr. Horst Schrage, Hauptgeschäftsführer der IHK Niedersachsen.
Die Wirtschaftslage in Niedersachsen hat sich im Vergleich zum Vorquartal stabilisiert. Die aktuelle Geschäftslage wird von 31 Prozent (Vorquartal: 28 %) der Unternehmen als gut beur­teilt, 57 Prozent (Vorq. 59 %) sind zufrieden und 13 Prozent (Vorq. 14 %) sind mit der Lage nicht zufrieden. Die Erwartungen an die kommenden Monate haben sich ebenfalls verbessert: 14 Prozent der Unternehmen (Vorq. 12 %) rechnen mit einer günstigeren Geschäftsentwick­lung und 25 Prozent (Vorq. 33 %) rechnen mit einer ungünstigen Entwicklung. Der Pessimis­mus über die Entwicklung in der exportabhängigen Industrie ist zurückgegangen. Die Han­delsstreitigkeiten haben sich zunächst beruhigt, und auf den Brexit haben sich die Unter­nehmen mittlerweile so gut wie möglich vorbereitet.
Der Abschwung der Industrie ist im vierten Quartal in eine Phase der Konsolidierung über­gegangen. Die Auftragseingänge aus dem Inland blieben leicht rückläufig, das Auslands­geschäft stabilisiert sich zusehends. Der Auftragsbestand wird von jedem vierten Unternehmen (27 %) immer noch als zu klein beurteilt. Die Umsatzentwicklung hat sich nach der Schwäche­phase im Herbst leicht stabilisiert, wobei Investitionsgüter stagnieren, Konsumgüter dagegen Zuwächse zu verzeichnen haben.
Mit dem Rückgang der Unsicherheiten haben sich nicht nur die Exporterwartungen erholt. Das gilt auch für die Investitionsplanungen der Industrie. Die anhaltend rückläufigen Personal­planungen zeigen allerdings, dass die Industrie die Phase der Konsolidierung zu Rationalisie­rungen und für eine höhere Effizienz nutzt.
Im Bereich Automotive, der die Kfz-Industrie und Zulieferer umfasst, beurteilt jeder dritte Betrieb die Geschäftslage weiterhin als schlecht. Mit der Erholung bei den Auftragseingängen, vor allem aus dem Ausland, haben sich die Geschäftserwartungen auf niedrigem Niveau ver­bessert. Für die Entwicklung in 2020 rechnet die Branche mit lediglich leicht steigenden Umsätzen. Der Strukturwandel hin zur Elektromobilität sorgt bei vielen Betrieben weiter für große Unruhe, da zukünftige Produkte und Mengen bisher kaum abschätzbar sind.
Die Signale der Bauwirtschaft stehen unverändert auf Grün. Die Auftragseingänge steigen weiter und die Kapazitäten sind ausgelastet, was teilweise zu kräftigen Preissteigerungen führt. Der Fachkräftemangel vor allem im Ausbaugewerbe bleibt auf absehbare Zeit der limitierende Faktor. So wichtig und nötig Investitionen in Infrastruktur sind, so wenig sinnvoll scheint es der­zeit, die ohnehin hohe Nachfrage in allen Bauberei­chen zusätzlich anzuheizen.
Der Einzelhandel hatte ein unerwartet gutes letztes Quartal. Die Konsumenten zeigten sich ausgabefreudig, und auch der stationäre Handel konnte von leicht gestiegenen Umsätzen berichten. Mit der Rekordzahl von drei Millionen Beschäftigten in Niedersachsen und deutlichen Einkommenszuwächsen war die Nachfrage besser denn je: Allein im Weihnachtsgeschäft wur­den etwa acht Mrd. Euro zusätzlich umgesetzt. Der Einzelhandel rechnet für 2020 allerdings nur mit stagnierenden Umsätzen. In den Autohäusern sieht die Welt dagegen anders aus: Die Entwicklung der E-Mobilität verunsichert die Kunden, und die Händler rechnen mit einem schwächeren Geschäft. Der Großhandel konnte von einer besseren Geschäftslage im vierten Quartal berichten. Die Aussichten haben sich vor allem im Import/Export deutlich erholt und deuten auf geringes Wachstum hin.
Das Verkehrsgewerbe hatte im vierten Quartal ebenfalls einen leichten Aufwärtstrend zu verzeichnen. Trotzdem waren die Transporteure mit dem Beförderungsvolumen nicht zufrie­den. Die Erwartungen bezüglich der Geschäftslage fallen ebenfalls sehr verhalten aus.
Die Geschäftslage der Banken bleibt zufriedenstellend und hat sich aufgrund des starken Kreditgeschäfts mit Firmen- und Privatkunden positiv entwickelt. Gleichzeitig betrachten die Kreditinstitute die künftige Entwicklung trotz anhaltender Niedrigzinsen etwas freundlicher als im Vorquartal. Nur noch jede vierte Bank (Vorquartal: jede zweite) rechnet mit einer ungünsti­gen Geschäftsentwicklung. Ungeachtet der medialen Aufmerksamkeit für FinTechs berichten die niedersächsischen Versicherer anhaltend von guten Geschäften. Die aktuelle Entwicklung ist zufriedenstel­lend und auch für 2020 gehen die Versicherungen von einem gleich bleibenden Geschäft mit steigenden Beiträgen und mäßiger Schadensentwicklung aus.
Positiv haben die Dienstleistungsunternehmen das Jahr beendet. Die Umsätze entwickelten sich merklich besser als noch im Herbst vermutet. Die Auftragseingänge fanden ebenfalls in die Erfolgsspur zurück. In der Summe rechnen die Dienstleister für 2020 mit einer gleich bleibend zufriedenstellenden Geschäftsentwicklung.
Ausblick
Mit der Entspannung im Außenhandel haben immerhin die Unsicherheitsfaktoren für die wirt­schaftliche Entwicklung zunächst abgenommen. Gleichzeitig sind aber kaum Wachstums­impulse aus­zumachen. Die Industrie konnte ihre Talfahrt der letzten Quartale zwar stoppen, eine nach­haltige Besserung ist aber kaum in Sicht. Eine weitere Entspannung der Handels­konflikte dürfte das Wachstum beschleunigen, eine erneute Verschärfung sicherlich bremsen. Der Konsum und die Bauwirtschaft bleiben hingegen konstante Stützen der Konjunktur. „Wir gehen für 2020 je nach Entwicklung der Rahmenbedingungen von einem Wachstum von 0,5 bis 1,0 Prozent aus, wobei ein Beschäftigungszuwachs von 10.000 Personen bei Dienstleistern zu erwarten ist“, so Dr. Schrage.
Der IHK-Konjunkturklimaindikator gibt die Einschätzung der Unternehmen der gegenwärtigen und der erwarteten Geschäftslage wider.
Die IHK Niedersachsen ist die Landesarbeitsgemeinschaft der IHK Braunschweig, IHK Hannover, IHK Lüneburg-Wolfsburg, Oldenburgischen IHK, IHK Osnabrück - Emsland - Grafschaft Bentheim, IHK für Ostfriesland und Papenburg sowie IHK Stade für den Elbe-Weser-Raum. Sie vertritt rund 460.000 gewerbliche Unternehmen gegenüber Politik und Verwaltung.
*Hannover, 17.1.2020*