Zwischen Stillstand und Pessimismus

IHK-Konjunkturumfrage für Niedersachsen

Hannover, 27.04.2026
Bestehende strukturelle Probleme treffen auf eine Eskalation im Nahost-Konflikt, dessen Auswirkungen sich direkt in sprunghaft gestiegenen Energiepreisen widerspiegeln. „Die Unternehmen warten weiterhin auf umfangreiche Reformen und spürbare Entlastungen. Durch die Effekte des Nahost-Konflikts auf Energiepreise, Lieferketten und Logistik spitzt sich die wirtschaftliche Lage der Unternehmen in Niedersachsen weiter zu. Die Politik ist nun umso mehr gefordert, über die ihr zur Verfügung stehenden Instrumente dort für Entlastungen zu sorgen, wo Entlastungen möglich sind – Steuern, Arbeitskosten und Bürokratie“, so Maike Bielfeldt, Hauptgeschäftsführerin der IHK Niedersachsen, „der leichte Hoffnungsschimmer durch den Anstieg der Auftragseingänge zum Ende des letzten Jahres ist angesichts der jüngsten Entwicklungen bereits wieder verblasst“. Die Geschäftslage und die Erwartungen haben sich im ersten Quartal 2026 verschlechtert, der IHK-Konjunkturklimaindikator fällt von 85 Punkten auf 79 Punkte. Das ergab die Konjunkturumfrage der niedersächsischen Industrie- und Handels­kammern bei knapp 2.100 Unternehmen.
Infolge ausbleibender Reformen verbleibt die Geschäftslage im ersten Quartal 2026 unverändert auf niedrigem Niveau: 17 Prozent der Unternehmen sehen die Lage als gut an (Vorquartal:
18 %), 56 Pro­zent (Vq. 54 %) sind zufrieden und 27 Prozent (Vq. 28 %) beurtei­len ihre Lage als schlecht. Im Hinblick auf die Geschäftserwartungen zeigen sich die Unternehmen pessimistisch: 40 Prozent (Vq. 31 %) der Unternehmen rech­nen mit einer ungünstigen Ent­wicklung, während 50 Prozent (Vq. 58 %) gleichblei­bende Geschäfte erwarten. Lediglich 10 Prozent der Unternehmen (Vq. 12 %) rechnen mit einer günstigeren Geschäftsent­wicklung. Die angespannten Erwartungen der Unternehmen spiegeln sich in den rückläufigen Indikatoren zu den Beschäftigungsplanungen und Exporterwartungen. Die Investitionsplanungen stagnieren.
Der rapide Anstieg der Energiepreise infolge des Nahost-Konflikts trifft branchenübergreifend die Unternehmen: 70 Prozent der Unternehmen sehen in den gestiegenen Energie- und Rohstoffpreisen in der aktuellen Umfrage das größte Risiko (Vq. 43 %), gefolgt von den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen (69 %, Vq. 70%), der Inlandsnachfrage (59 %, Vq. 62 %) und den Arbeitskosten (55 %, Vq. 60 %). Dahinter folgen der anhaltende Fachkräftemangel (40 %, Vq. 45 %) und die ausländische Nachfrage in der Industrie (39 %, Vq. 41 %).

Ausblick:

„Der systemische Schock infolge des Nahost-Konflikts löst Dominoeffekte aus, die die gesamte Wirtschaft treffen und deren Auswirkungen noch lange spürbar sein werden“, sagte IHKN-Hauptgeschäftsführerin Maike Bielfeldt. Aber „der Konflikt ist nicht der Ursprung der konjunkturellen Tieflage, sondern wirkt vielmehr als Katalysator der bereits seit langem bestehenden Probleme am Standort. Es braucht tiefgreifende und mutige Reformen, die die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes sicherstellen und die Unternehmen entlasten – und zwar jetzt! Temporäre schuldenfinanzierte Ausgaben können das Wachstum zwar stützen, an den Ursachen des wirtschaftlichen Tiefs ändern sie aber nichts“, so die Einschätzung Bielfeldts.

Branchenergebnisse

In der Industrie hat sich die Geschäftsentwicklung zum Jahresbeginn auf niedrigem Niveau fortgesetzt. Die Auftragseingänge bei den Vorleistungs- und Investitionsgüterherstellern konnten sich etwas stabilisieren, die Verbrauchsgüterhersteller melden hingegen sinkende Auftragseingänge. Insgesamt bleiben die Auftragsbestände in der Industrie weiterhin zu niedrig und viele der Industriebetriebe unterhalb ihres rentablen Auslastungsgrades. Entsprechend verhalten bleibt die Industrie in ihren Beschäftigungs- und Investitionsplanungen, ebenso wird ein schwaches Exportgeschäft erwartet. Die Entwicklung in den kommenden Monaten wird im Industriebereich entscheidend von der Entwicklung der Energiepreise abhängen.
Auch in der Bauwirtschaft werfen die steigenden Energiepreise ihre Schatten voraus. Sowohl der Hochbau als auch der Tiefbau erwarten eine deutliche Verschlechterung der Geschäftslage, die die aktuell ohnehin schwache Ertragslage trotz gefüllter Auftragsbücher fortzeichnet. Für mehr als 75 Prozent der Unternehmen in der Bauwirtschaft stellen die Energiepreisen momentan das größte Risiko für ihre Geschäftsentwicklung dar.
Im Einzelhandel haben sich die Geschäftslage wie auch die Geschäftserwartungen weiter abgeschwächt. Die privaten Haushalte reagieren auf die durch den Nahost-Konflikt ausgelösten steigenden Verbraucherpreise und generellen Verunsicherung mit einer höheren Sparquote. Nicht dringend benötigte Anschaffungen werden aufgeschoben oder gestrichen. Die Kaufzurückhaltung der Verbraucherinnen und Verbraucher zeigt sich gleichermaßen im stationären Geschäft und im Online-Handel. Die Geschäfte im Großhandel verbleiben auf niedrigem Niveau.
Die sprunghaft gestiegenen Spritpreise verschärfen die ohnehin angespannte Lage im Verkehrsgewerbe. Sowohl im Personen- als auch im Güterverkehr schlagen die hohen Energie- und Arbeitskosten ein, die die Unternehmen zumindest teilweise in Form steigender Preise an Kundinnen und Kunden weitergeben werden.
Die Stimmung im Gastgewerbe hat sich sowohl im Beherbergungsbereich als auch im Restaurationsbereich merklich abgekühlt, die Umsätze sind in beiden Bereichen rückläufig. Die erfolgte Umsatzsteuersenkung zu Beginn des Jahres konnte angesichts ebenfalls steigender Arbeits- und Energiekosten keine nennenswerte Wirkung entfalten. Eine Besserung der Lage wird aktuell nicht erwartet.
Zufriedenstellend liefen die Geschäfte der Finanzdienstleister, die Erwartungen an die kommenden Monate sind jedoch zurückhaltender als zuletzt.
Die Umsätze der Dienstleistungsunternehmen sind im ersten Quartal gesunken. Weiterhin berichten die Dienstleister rückläufige Auftragseingänge und eine insgesamt schwache Ertragslage. Eine Veränderung der Entwicklungen wird derzeit nicht erwartet.

IHK-Konjunkturklimaindikator für Niedersachsen

Der IHK-Konjunkturklimaindikator gibt die Einschätzung der Unternehmen der gegenwärtigen und der erwarteten Geschäftslage wieder.
Befragungszeitraum 16.03.2026 - 09.04.2026; 2028 Unternehmensantworten
Die IHK Niedersachsen ist die Landesarbeitsgemeinschaft der IHK Braunschweig, IHK Elbe-Weser, IHK Hannover, IHK Lüneburg-Wolfsburg, Oldenburgischen IHK, IHK Osnabrück - Emsland - Grafschaft Bentheim sowie IHK für Ostfriesland und Papenburg. Sie vertritt mehr als 530.000 gewerbliche Unternehmen gegenüber Politik und Verwaltung.