„Non-junktur“: Wirtschaft im Wartemodus

IHK-Konjunkturumfrage für Niedersachsen

Hannover, 14.07.2026
Zwischen ersten politischen Reformsignalen und anhaltenden Belastungen durch hohe Energie- und Arbeitskosten bleibt die wirtschaftliche Dynamik weiterhin aus. Das beschlossene Reformpaket des Koalitionsausschusses hat die Erwartungen der Unternehmen auf bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen zwar aufgehellt, jedoch sind die strukturellen Belastungen unverändert hoch und die Folgen des Nahost-Konflikts sorgen weiterhin für Unsicherheit. „Die Unternehmen sehen, dass sich politisch etwas bewegt. Für einen echten und nachhaltigen Stimmungsumschwung reicht das aber nicht“, so Maike Bielfeldt, Hauptgeschäftsführerin der IHK Niedersachsen. „Die Hoffnung auf Besserungen mag zurück sein, die wirtschaftliche Dynamik in den Unternehmen ist es aber noch nicht. Politische Ankündigungen müssen konkrete Entlastungen werden! Bis dahin bleibt Niedersachsen in einer ‚Non-junktur‘ “. Die Geschäftslage und die Erwartungen haben sich gegenüber dem ersten Quartal 2026 leicht verbessert, der IHK-Konjunkturklimaindikator steigt von 79 auf 84 Punkte.
Die Geschäftslage zeigt sich im zweiten Quartal 2026 leicht verbessert, verbleibt allerdings auf niedrigem Niveau: 19 Prozent der Unternehmen sehen die Lage als gut an (Vorquartal:
17 %), 55 Pro­zent (Vq. 56 %) sind zufrieden und 26 Prozent (Vq. 27 %) beurtei­len ihre Lage als schlecht. Auch die Geschäftserwartungen der Unternehmen sind nach den angekündigten Reformvorhaben zwar etwas weniger pessimistisch als im Vorquartal, nennenswerte Verbesserungen bleiben jedoch aus: 34 Prozent (Vq. 40 %) der Unternehmen rech­nen mit einer ungünstigen Ent­wicklung, während 9 Prozent eine bessere Geschäftsentwicklung erwarten (Vq. 10%). 57 Prozent rechnen mit gleichbleibenden Geschäften (Vq. 50 %). Die wichtigen Konjunkturindikatoren zeigen ein gemischtes Bild. Die Exporterwartungen steigen, während die Beschäftigungsplanungen stagnieren und die Investitionsplanungen leicht rückläufig sind.
Die Unsicherheit um die hohen Energiepreise infolge des Nahost-Konflikts hat sich in der Aussicht auf eine Lösung zwischen den Konfliktparteien etwas gelegt. Nichtsdestotrotz stellen die nach wie vor hohen Energie- und Rohstoffpreise (60 %, Vq. 70 %) nach den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen (72 %, Vq. 69 %) und der anhaltend schwachen Inlandsnachfrage (62 %, 59 %) das drittgrößte Risiko für die Geschäftsentwicklung aus Sicht der Unternehmen dar. Danach folgen die unverändert hohen Arbeitskosten (57 %, Vq. 55 %), die weiterhin schwache Auslandsnachfrage in der Industrie (41 %, Vq. 39 %) und der fortbestehende Fachkräftemangel (40 %, Vq. 40 %).
Ausblick:
„Die leicht aufgehellten Erwartungen zeigen, dass die Unternehmen die Signale aus der Politik wahrnehmen. Aber: das Reformpaket ist derzeit eher ein Hoffnungsträger als ein Problemlöser. Die angekündigten Maßnahmen müssen erst noch beschlossen, umgesetzt und wirksam werden. Allerdings bleiben viele zentrale Standortprobleme vom Reformpaket unberührt und strukturelle Belastungen am Standort bestehen unverändert fort. Im Bereich der Energiepreise und der Unternehmensbesteuerung bleiben wir auch weiterhin international nicht wettbewerbsfähig“, sagte IHKN-Hauptgeschäftsführerin Maike Bielfeldt. „In den vergangenen Jahren mussten die Unternehmen Krise auf Krise bewältigen, viele leben inzwischen von ihrer Substanz. Der Wirtschaftsstandort kann sich deshalb keine weiteren Verzögerungen mehr leisten. Entscheidend wird sein, ob aus den Ankündigungen auch rasch konkrete Entlastungen für die Unternehmen werden. Die Politik spricht über die richtigen Probleme. Gelöst sind sie deshalb aber noch lange nicht“, so die Einschätzung Bielfeldts.
Die Geschäftsentwicklung in der Industrie hat sich im zweiten Quartal auf niedrigem Niveau fortgesetzt. Die Entwicklung der Auftragseingänge und Auftragsbestände bleibt insgesamt schwach, wobei insbesondere die Inlandsnachfrage verhalten bleibt. Entsprechend zurückhaltend zeigen sich die Industrieunternehmen in ihren Investitions- und Beschäftigungsplanungen. Die Stimmung in der Industrie bleibt überwiegend pessimistisch, den leicht gestiegenen Geschäftserwartungen bei den Investitionsgüterherstellern stehen deutliche Verschlechterungen im Automotive-Bereich und der Chemieindustrie gegenüber. Hohe Energiepreise und unverändert hohe strukturelle Standortbelastungen dämpfen die Geschäftsentwicklungen.
Die Bauwirtschaft hat sich gegenüber dem Vorquartal etwas erholt. Die Geschäftslage hat sich sowohl im Hochbau als auch im Tiefbau etwas aufgehellt, zugleich fielen die Geschäftserwartungen weniger düster aus als noch zu Jahresbeginn. Die weiterhin weitreichenden Auftragsbestände dürften stabilisierend gewirkt haben. Im Wohnungsbau bleibt die Situation aufgrund hoher Bau- und Finanzierungskosten schwierig.
Im Einzelhandel bleiben die Geschäftslage und Geschäftserwartungen auf unverändert niedrigem Niveau. Die Konsumzurückhaltung der Verbraucherinnen und Verbraucher prägt sowohl das stationäre Geschäft wie auch den Online-Handel. Noch einmal deutlich verschlechtert hat sich Entwicklung bei Nahrungs- und Genussmitteln. Im Großhandel beeinträchtigen die schwache Industriekonjunktur, verhaltene Inlandsnachfrage und strukturelle Kostenbelastungen die Geschäftsentwicklung.
Die weiterhin hohen Energiepreise dämpfen die Geschäftserholung im Verkehrsgewerbe. Zwar zeigen sich Lage und Erwartungen gegenüber dem Vorquartal verbessert und das Beförderungsvolumen ist sowohl im Personen- als auch im Güterverkehr gestiegen, die Ertragslage im Verkehrsgewerbe bleibt aber auf niedrigem Niveau und damit wenig zufriedenstellend.
Die Geschäftslage im Gastgewerbe hat sich gegenüber der negativen Entwicklung aus dem Vorquartal wieder stabilisiert, bleibt aber angesichts des schwachen Vorquartals angespannt. Insbesondere im Beherbergungsbereich hat sich die Geschäftslage aufgrund höherer Umsätze unter anderem durch die beginnende Tourismussaison merklich gebessert, im Restaurationsbereich bleibt die Lage dagegen verhalten. Die Erwartungen deuten allerdings nicht auf eine nachhaltige Besserung hin. Anhaltend hohe Arbeitskosten werden sich in steigenden Übernachtungs- und Verzehrpreisen niederschlagen.
Die Finanzdienstleister berichten eine gute Geschäftslage. Bei den Kreditinstituten ist das Kreditgeschäft bei Privat- und Geschäftskunden im Vergleich zum Vorquartal gestiegen, bei den Versicherungen steigen die Beitragseinnahmen und das Neugeschäft.
Die Situation im Dienstleistungsbereich bleibt angespannt. Umsätze und Auftragseingänge sind erneut rückläufig, die Erträge verharren auf niedrigem Niveau. Die schwache Entwicklung aus dem Vorquartal setzt sich somit fort, wenn auch abgeschwächt. Für die kommenden Monate rechnen die Dienstleistungsunternehmen mit einer leichten Besserung der Geschäftslage.

IHK-Konjunkturklimaindikator für Niedersachsen
*langjähriger Durchschnitt seit 2000.
Der IHK-Konjunkturklimaindikator gibt die Einschätzung der Unternehmen der gegenwärtigen und der erwarteten Geschäftslage wieder.
Befragungszeitraum 15.06.2026 - 06.07.2026; 1982 Unternehmensantworten
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